

Lyrik vom Bodensee




Die folgenden Worte aus dem Stundenbuch von Rainer Maria Rilke, das ich als Schülerin freiwillig fast ganz auswendig gelernt habe, stellen gleichsam ein Lebensmotto dar, das sich auch in meiner Lyrik wiederspiegelt:
„Lass dir alles geschehen:
Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehen:
Kein Gefühl ist das fernste.“
Rainer Maria Rilke
Deshalb steht auch hier in meinen Gedanken und Gedichten die Schönheit der Natur neben den Schrecken des Krieges.
Der Kreis Ich liebe das Eis, wenn es schmilzt, denn ich liebe Wärme und Wasser, und ich lebe den Kreis. Gisela Munz-Schmidt Aus: Kleine Gedichte - Große Gefühle



mit Bildern von Horst Müller






Anne Frank
Und mich schmerzte
Anne Frank Anne Frank Anne Frank
wie wahnsinniges Weh einer Wunde,
die sich entzündet unter der Haut.
Und wie lange wie lange wie lange
dauerte es,
bis alles aufbrach,
und ich ihr in die dunklen Augen sehen konnte.
Anne Frank.
Gisela Munz-Schmidt
Aus: Amsterdamer Elegie
In: Gedichte gegen Gewalt
1977 wohnten mein Mann und ich einige Monate in der Emmalaan in Amsterdam, mein Mann hatte ein PostDoc Forschungsstipendium an der Universität erhalten, und ich war ein halbes Jahr beurlaubt. In dieser Zeit besuchte ich einige Male das Anne Frank Haus, und später las ich mit einigen Klassen das Tagebuch der Anne Frank als Schullektüre.
Gunther Jauss, der Architekt unseres Owinger Rathausneubaus, ließ sich durch meinen Text zu der Zeichnung inspirieren. Die eingefügte Bibelstelle bezieht sich auf die Klagelieder 5,5
Grandeur and splendour,
generous tree,
purple or white,
a variety
of wealth and of pride,
of this special sort
that transforms a yard
into a court,
and graciously smiling
it takes you aside –
you are led into spring
by a royal guide.
Gisela Munz-Schmidt
from: A Bouquet of Flowers

Auf Zweigen wie mit großer Geste
steigen wächsern weiße feste
Kelche, rosa überhaucht,
Blütenböden bräunlich eingetaucht,
Farbenfäden lila eingezogen,
überschmolzen von Erhabenheit
hoch im stolzen Tulpenbogen –
So als stünden sie fernab:
Fern der Wirklichkeit.
Fremd der Zeit.
Gisela Munz- Schmidt
aus: Bäume am Weg

Magnolienblüten Weiß,rosa,lila, hoheitsvoll und erhaben, nur Frost ist ihr Feind. Gisela Munz-Schmidt Haiku
Es kommt mir der Krieg
zwischen meinen Alltag.
Die zerbombte Brücke
bricht über meine Schüssel,
und das blutende Kind
weint mir aus dem Teller.
Meine Hände sind weiß
und meine Finger bleich.
Unschuld?
Entsetzen.
Gisela Munz-Schmidt
aus : Gedichte gegen Gewalt, Seite 12






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