Lyrik vom Bodensee

Autor: Gisela Munz-Schmidt (Seite 1 von 6)

Im Frühling am Bodensee

Aquarell von Sibylle Buderath
Aus dem Lyrikbildband Wege zum See, Verlag Stadler Konstanz
Frühling am See

Der Frühling kam fast über Nacht,
vertraut, ersehnt,
und schaut und lehnt
am Wiesenrand,
am Gartentor,
und alles steht in vollem Flor
und blüht in heller Pracht.

Die Welt kommt mir verändert vor,
verwandelt See und Land.
Der Frühling ist ein Zauberer.
Er herrscht mit leichter Hand.

Gisela Munz-Schmidt
Aus dem Lyrikbildband Wege zum See
Aquarell von Sibylle Buderath
Veilchen 2016 16×20 cm
Frühlingsblumen blühen

Die Tage werden wärmer.
Aus Tieren und aus Menschen werden Schwärmer.

Himmelsschlüssel auf den Wiesen,
Tuffs und Horste roter Tulpen,
die in allen Gärten sprießen,
bunte Primeln, Osterglocken,
wie ins Weite, Freie sie Dich locken,
an geheim gehaltenen Stellen
blühen weiche Küchenschellen,
Mauern blauer Blütenkissen,
Beete gelber Prachtnarzissen,
Veilchen heben´ s Köpfchen aus den Grasverstecken,
und wie selbst die kleinsten Gänseblümchen
sich dem Licht zustrecken,
wie sie glühen und wie sie sich recken -

Die Tage werden länger.
Aus Tieren und aus Menschen werden Sänger.

Gisela Munz-Schmidt
Aus dem Lyrikbildband Blumen am Weg, Verlag Stadler Konstanz

„Wenn du mit einem Fuß auf sieben Gänseblümchen treten kannst, dann ist Frühling.“ Deutsches Sprichwort

“When you can tread on nine daisies at once, spring has come.“
English Proverb

Aquarell von Sibylle Buderath
Aus dem Lyrikbildband Blumen am Weg, Verlag Stadler Konstanz

Willst du dich am Ganzen erquicken,

so musst du das Ganze im Kleinsten erblicken.

Johann Wolfgang von Goethe

Man sollte alle Tage ein kleines Lied hören,

ein gutes Gedicht lesen,

ein treffliches Gemälde sehen und,

wenn es möglich zu machen wäre,

einige vernünftige Worte sprechen.

Johann Wolfgang von Goethe

Macht die Liebe, die Kunst jegliches Kleine doch groß.

Johann Wolfgang von Goethe

Die Nöte um Wasser, Schnee und Eis

Horst Müller
Winter am Bodensee
Eines meiner liebsten Gedichte lautet:

Ich liebe das Eis,
wenn es schmilzt,
denn ich liebe Wärme und Wasser,
und ich lebe den Kreis.

Gisela Munz-Schmidt
Es stimmt aber leider nicht mehr, denn:

Ich fürchte das Eis, wenn es schmilzt, zum Beispiel in den Alpen oder in der Arktis,
und ich hasse die Wärme, wenn sie in Hitze ausartet
und Flüsse und Seen austrocknet wie in Südfrankreich und in Norditalien,
und ich habe Angst vor dem Wasser, wenn es in Sturzfluten kommt wie zum Beispiel im Ahrtal oder wenn die Meeresspiegel weltweit steigen.

Aber Eis, Wasser und Wärme können wirklich nichts dafür!
Welchen Kreis lebe ich denn?

Im Winter

Rudolf Munz
Alpenglühen am Santa Croce
Im Winter

Kristalle und Flocken
decken die Erde
in dichter Schicht.

Darüber schreiten,
stapfen und gleiten.

Frische des Winters
im warmen Gesicht.

Gisela Munz-Schmidt
Aus: Winter-und Weihnachtsbuch

Sibylle Buderath
Winter in den Bergen
Aus: Winter-und Weihnachtsbuch

Fasnet/Fastnacht/Karneval

Erinnerungen….
Narrenzug

Hoorig hoorig hoorig isch die Katz
In der schönen alten Chaise
sitzen unsere Narreneltern:
Unsere breite Narrenmutter
und der rotgenaste Vater
lassen sich um Brezeln bitten -

Bissig bissig bissig isch der Hund
Und der lange Narrenbaum,
gezogen von der Zimmergilde:
Schwarze Hosen, Silbermünzen,
fesche Hüte, breite Krempen,
lieben Bier und scharfe Schnäpse -

Borstig borschtig borschtig isch die Sau
Eine bunte Schar von Kindern:
Wilde Katzen, milde Bärlein,
Königinnen und Prinzessen,
Indianer, Mäuse, Ritter,
Zorros, Cowboys, Punks -

Buure Buure Buure fresset Würscht
Alte Wieber, Zwergensippen,
weitgereiste Wüstenscheiche,
Mäschkerle mit Tradition,
Larven, Musik, Umzugskarren,
alles läuft im Zug der Narren -

Gizig gizig gizig isch der Beck
Mit Seilen und Keilen,
ohne sich zu beeilen,
wird der Narrenbaum gestellt,
vom Polizisten laut verschellt,
und durch knallende Karbatschen
mächtig kräftig eingeschnellt.

Gisela Munz-Schmidt 


Hänsele in Überlingen
Foto: Dr. Werner Schmidt

Narrentreffen Viererbund in Überlingen

Häuser geschmückt mit rot-gelben Fahnen,
Narrenmutter und -vater vereint,
Menschenmassen in Reihen und Bahnen,
ein Glück, dass ein bisschen die Sonne scheint!

Leute schauen aus Zimmern und Stuben,
genießen den Logen-Überblick.
Bläser schmettern in Hörner und Tuben,
Stimmung macht die Narrenmusik.

Hänsele kommen mit ihren Karbatschen,
schnellen, und seien sie noch so klein,
mit kräftigem Schwung und Seilendeklatschen
wuchtig die neue Fasnet ein.

Vornehme Narren aus uralten Zünften
jeder mit seinem eigenen Gesicht,
dazwischen Bären, als wie in Brünften 
brummend: Zuschauer, fürchtet euch nicht!

Orangen und Bonbons und Würste am Stiel,
ein Geben und Nehmen und Werfen und Fangen,
im wechselnden Narr- und Betrachterspiel.
Nur ich kann keine Brezel erlangen.

Schwere Schellen und gut betucht,
sauberes Leinen und feines Gestick,
jede Bewegung voll Anmut und Zucht,
der Narrensamen am Kälberstrick.

So viele Masken, aus Holz schön geschnitzt,
so viele Bloter- und Pinselstecken,
übermütig, vergnügt und verschmitzt
beim Kopfdraufschlagen und Mädchennecken.

Fransenkleidle und Benner Rössle
ziehen stolz und bewegt im Rund,
Hansel, Narro und Hänsele, 
so prächtig präsent ist der Viererbund!

Hänsele, Schantle und Federhannes
liefen im bunten Zug durch das Tor.
Wie ein langer Strom, so rann es,
bis dann an meine Füße ich fror.

Gisela Munz-Schmidt




Überlinger Löwinnen
Foto: Dr. Werner Schmidt
Vergleiche dazu unter dem Thema Burgen und Sagen das Gedicht „Die Frau und der Löwe“

Masken

Masken geschnitzt.
Mienen verschmitzt,
Gefühl und Stimmung eingeritzt.
Ausdruck gewitzt.
Münder verzogen und Lippen gespitzt.
Augen offen oder geschlitzt
wie Ohren….

Gisela Munz-Schmidt
Sgraffito am Haus der Holzbildhauerei Benz in Owingen , Ausschnitt
Foto: Rudolf Koch

Alte Wieber

Fastnachtsfieber - Alte Wieber

Merk ich Fastnachtswinde wehn durch alle Ritzen,
kann zu Hause ich nicht länger sitzen,
hole meine schwarze Seidenbluse mit den schönen Spitzen
und den langen schwarzen Rock mit Seitenschlitzen,
Omas Ausgehhut mit feinen Litzen
und der kühnen Feder drauf, der spitzen,
Stock und Schirm und Charme zum Flitzen,
Täschchen, Umhang, Spiegel: meine Augen blitzen,
ich fühl wallend mich vor Fasnetswonne schwitzen,
spüre fliegend wilde Fasnetshitzen,
denn es schüttelt mich das Fastnachtsfieber,
und ich reih mich selig-glücklich ein
in den Zug der alten Wieber.

Gisela Munz-Schmidt

Foto: Dr. Werner Schmidt


Aschermittwoch

Aschermittwoch

Müde, ganz erschöpft mit wehem Kopfe,
meine Füße wundgetanzt seit Tagen,
wanke fröstelnd ich durch aschermittwöchliche Gassen,
Fastnachtsfieber hat mich gestern Nacht verlassen,
ausgeglonkert
ausgejuckt
ausgeschnellt
abgestellt
so wie mein Häs.

Fasten muss ich, Katers Beute,
streng ab heute,
und ich schwör, ich esse nur noch
Kutteln,
Fisch
und sauren Käs.

Gisela Munz-Schmidt

Aus: Das Kochbuch aus Friedrichshafen
Aus: Kochbuch für Koch – und Haushaltsschulen, 1928
So oder ähnlich….eigenes Rezept

Gedichte vom Bodensee : Die Haltnau-Sage von der buckligen und klugen Wendelgard

Die Haltnau bei Meersburg
Aquarell von Sibylle Buderath
Wendelgard von Halten

Die Haltnau-Sage erzählt uns genau
die Geschichte einer besonderen Frau.
Schlechtes und Gutes, Fluch und Segen
tat das Schicksal ihr in die Wiege legen.
Doch was es ihr auch hat gebracht,
sie hat das Beste daraus gemacht.

Erbin war sie von großem Besitz
direkt am See - und Mutterwitz
und ein klarer Verstand,
eine liebe Art, eine offene Hand,
das alles sprach man gern ihr zu.
Aber anderes ließ ihr keine Ruh:
Sie trug einen Höcker auf dem Rücken,
konnte schlecht gehen und kaum sich bücken,
war überdies auch im Gesicht 
wahrhaftig eine Schönheit nicht.
Sie hatte ein Schnäuzlein wie das eines Schweines,
ein Rüsselchen eben, wenn auch ein kleines.
Je älter sie wurde, je mehr offenbar
warn die Mängel, und sie ihrer gewahr.
Es ließ auch das Höhnen und Spotten nicht nach.
So seufzte sie häufig:“O weh und o ach!“
und weinte in ihr Schüsselchen:
„Keiner gibt mir ein Küsselchen!“

Oft hat sie darüber nachgedacht,
die Tränen getrocknet: „Es wär doch gelacht,
wenn alles, selbst wenn ich mich schäme,
nicht doch ein glückliches Ende nähme!
Schließlich hinterlasse ich, wenn ich sterbe,
ein beachtlich großes Erbe!“
Also schritt sie energisch zur Tat
und ließ kommen den Meersburger Rat,
dem sie die Sache zur Sprache brachte 
und ausgeklügelt den Vorschlag machte:
Bis an ihr seliges Ende sollte
einer der Räte, so wie sie es wollte,
jeden Sonntag, nach dem Morgenkuchen,
zur Gesellschaft sie besuchen,
sie würden ausfahren und dinieren,
ubd danach noch gut soupieren,
und zum Abschied gäb‘s als Dank ein Küsselchen
auf das Wendelgardsche Rüsselchen.
So hätte sie wenigstens wöchentlich eben 
eine schöne Freude und etwas vom Leben.
Und wenn ihr Gott dann die Lider schließe
erbe Meersburg alles, Weinberg und Wiese.

Aber der Rat tat sich gerieren,
die Räte sich genieren und zieren,
und sie gaben hochnäsig abschlägig Bescheid 
und sagten nicht einmal: „Es tut uns leid.“

Jungfer Wendelgard ließ sich‘s nicht verdrießen 
und kam zu folgendem Beschließen:
Wenn der Nachbar gar nicht will zur Linken,
werde ich über den Bodensee winken,
vielleicht geht Konstanz den Handel ein
und will der Haltnau Besitzer sein?
Sie trug ihr Erbe Konstanz an,
und die Räte, Mann um Mann,
kamen , ohne zu murren oder zu fluchen,
tapfer zum sonntäglichen Besuchen.
Sie standen pflichtschuldig durch das Programm,
und als dieses jeweils zu Ende kam,
gab‘s noch zum Schluss auf‘s Rüsselchen 
ein beherztes Küsselchen.
So ging es Woche um Woche, Jahr um Jahr,
und als Wendelgard betagt gestorben war,
fielen Wiese und Weinberg und Ross und Kuh,
fiel alles den wackeren Konstanzern zu.

Konstanz hat Mitleid und Weitblick bewiesen,
und wir können die Haltnau noch heute genießen.

Gisela Munz-Schmidt 

Quellen: Gedenktafel am Weingut Haltnau und Theodor Lachmann, Sagen und Bräuche am Überlinger See, Weißenhorn, 1972

Ich wünsch uns Glück…

Feuerwerk 🎆 in Owingen Neujahr 2023
Jahreswende

Gib mir die Hand.
Lass uns die Stunden im Niemandsland 
zwischen den Zeiten 
genießen und dehnen.
Uns aneinander lehnen.

Es steigen- helle Pracht-
Kaskaden der Erinnerungen und Träume in die Nacht.
Sie blitzen auf und fallen glänzend nieder aus der Ferne,
funkelndes Feuerwerk sprühender Sterne!

Die Uhr rückt weiter,
und die Zeit nimmt ihren Lauf.
Sie reißt uns mit,
und niemand hält sie auf.
Alles wird anders,
kein Stern bleibt, wie er war.
Ich wünsch uns Glück 
und Mut und Zuversicht für jedes neue Jahr!

Gisela Munz-Schmidt 

Weil Krieg…

Weil Krieg sengt
und weil Hunger brennt 
und weil Neid zündelt
und weil Hass fackelt
und weil Gewalt flammt
und weil Not lodert

gibt es Weihnachten eigentlich nicht.

Weihnachten wäre ganz anders:

Ein wärmendes Feuer.
Die ewige Flamme.
Leuchtendes Licht.

Gisela Munz-Schmidt

Aus: Winter-und Weihnachtsbuch
Winterblick von unserem Balkon

Trotz alledem:

Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr!

Merry Christmas and a Happy New Year!

Winter- und Weihnachtsbuch

Zur Geschichte dieses Buches :

( ein bisschen Nostalgie in eigener Sache…)

1998 als fünftes gemeinsames Buch mit Sibylle Buderath im Verlag Stadler
Buchtaufe im Rathaussaal Owingen
Gisela Munz-Schmidt und Sibylle Buderath beim Signieren
Seewoche Überlingen 1998
Habent sua fata libelli
Bücher haben ihre Geschichte

10 Jahre lang schrieb ich für die Weihnachtsbeilage der Überlinger Seewoche eine Kurzgeschichte und Gedichte. Das waren meine allerersten Veröffentlichungen! Den Redakteurinnen Eva-Maria Henkel-Böhret und Reinhild Kopsch verdanke ich deren Organisation und Präsentation.

Diese Textsammlung bildete die Grundlage für das Winter-und Weihnachtsbuch, das Sibylle Buderath mit Aquarellen ergänzte und illustrierte und das 1998 in der ersten Auflage im Verlag Stadler erschien und in Owingen getauft wurde.

Im Advent

Aquarell : Sibylle Buderath, Gedicht: Gisela Munz-Schmidt
Aus Winter-und Weihnachtsbuch, Verlag Stadler, Konstanz

Aquarell: Sibylle Buderath
Aus: Winter-und Weihnachtsbuch Verlag Stadler Konstanz

„ Als ich nach Hause ging, schien das Licht auf besondere Weise zu leuchten, so als seien tausend Kerzen am Himmel aufgesteckt, und es war doch nur die eine Dezembersonne, die weich schien und dem Morgen die Kälte abnahm so wie einer des anderen Last.“

GISELA Munz-Schmidt
Aus:Winter-und Weihnachtsbuch

Gedicht: Gisela Munz-Schmidt Aquarell:Sibylle Buderath
Aus: Winter-und Weihnachtsbuch Verlag Stadler Konstanz
Gisela Munz-Schmidt
Aus:Winter-und Weihnachtsbuch

Dazwischen

Marita Hornberger Weitblick 2005 Acryl auf Leinwand
Ja, es ist wahr.
Schutz und Gefahr.
Die Sonne und die See.
Wonne und Weh.
Ohnmacht und Macht.
Tag und Nacht.
Und dazwischen?
Ich.
Wir.
Irrfahrt.
Heimfahrt.
Odysee.

Gisela Munz-Schmidt

Das Optimum liegt nicht immer im Extrem.

Lothar Hüther

Bild: Marita Hornberger , Text: Gisela Munz-Schmidt
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